Entgrenzung erfahren

 

Das Ruhegebet hat seinen Ursprung im Neuen Testament und basiert zudem auf den Erfahrungen der frühchristlichen Mönchsväter. Diese Gebetsweise wurde erstmals von Johannes Cassian (360 – 435) im 4. Jahrhundert aufgezeichnet und somit für alle zugänglich gemacht.

 

Gerade in der Ruhelosigkeit unserer Zeit bietet dieses Gebet – auf heutige Erfordernisse hin aktualisiert – einen bewährten Weg zu innerer Ruhe und tieferer Erfahrung des Glaubens.

 

Bei der enormen Reizüberflutung, der wir ständig ausgesetzt sind, muss zur Ruhe der Nacht eine weitere, geistige Erfahrung der Stille kommen, damit wir nicht krank werden. Es muss Zeiten der Stille und des Schweigens geben, in denen wir uns von allem Sichtbaren und Hörbaren lösen und uns dem «Unsichtbaren» zuwenden. Wenn wir unser Leben entsprechend einrichten, werden wir von dem Zuviel und der damit verbundenen Dunkelheit befreit, so dass uns das Licht, Christus, einleuchten kann.

 

Möchten wir, dass unsere Innerlichkeit schneller zur Entfaltung kommt und wir mehr aus unserer Mitte leben, so ist es ratsam, sich wiederholt in die Stille zurückzuziehen. Dies kann durch das Ruhegebet geschehen.

 

Wenn Jesus immer wieder in die Einsamkeit ging, um im Gebet mit seinem himmlischen Vater allein zu sein, um wie viel mehr haben wir es nötig, das Eine, die Stille, immer wieder dem Vielen vorzuziehen?

 

Doch wo bleibt in unserem Leben Raum und Zeit für das Gebet, für das Schweigen und die Ruhe, von der Gott am siebten Schöpfungstag spricht und auch uns bittet, diesen Tag durch Ruhe zu heiligen? Um in ein gesundes Gleichgewicht zu kommen oder in ihm zu bleiben, ist es neben unseren Aufgaben notwendig, etwa ein Siebtel unserer Zeit in der von Gott geheiligten Stille und Ruhe zu verbringen.

 

Die tiefe Ruhe für Körper, Geist und Seele, die sich dem Betenden im Ruhegebet schenkt, befreit uns von schmerzhaften, im Wege stehenden Eindrücken und bringt uns dem Urgrund der Schöpfung, Gott, näher.

 

Wir dürfen und müssen uns in der Begrenztheit unseres menschlichen Wesens immer wieder in die Stille zurückziehen, um nicht leer und krank zu werden. Es darf nicht sein, dass wir in Spannungen hinein geraten, die uns dem wahren Leben mehr und mehr entfremden.

 

So wie ein lebendiger Organismus die Möglichkeit bietet, von jedem Teil seiner Oberfläche zu der ihn durchflutenden Lebensenergie zu gelangen (wie bei der Pflanze der Saft), so ist für Cassian das Ruhegebet ein umfassendes Gebet, das ständig – immer und überall – einen Zugang zu Gott ermöglicht. Das tiefste Anliegen Cassians ist es, dass der Betende in allem und durch alles in seinem Leben eine Begegnung mit dem Schöpfer erfährt, dem Urgrund allen Seins, mit Gott, der die Liebe ist.

 

Cassian möchte seine Schüler in eine solche Weite des Bewusstseins führen, in der jede Wahrnehmung zu einer Gottesbegegnung wird.

 

Wie Cassian in seiner Zeit durch seine gelebte Spiritualität und seine Werke, die Wissen und Erfahrung verbinden, für viele ein großer Anstoß war, so dürfte auch heute sein Ruhegebet eine Herausforderung sein, aus der Grauzone, der Routine des Alltags und der Mittelmäßigkeit des Glaubens herauszutreten, um Entgrenzung zu erfahren.

 

Im Sinne von Cassian bedeutet Beten, alles aufzugeben: Gedanken, Gottesbilder, Vorstellungen, den eigenen Willen …

 

Evagrius Pontikus (345 – 399) lehrte Cassian das Ruhegebet, ein rein geistliches Gebet, frei aller Bildlichkeit. Gott darf nicht irgendwie vorgestellt oder vor Augen geführt werden. Es geht um ein völlig bildloses Anschauen –«mit den reinen Blicken der Seele».

 

Cassian beschreibt genau die Methode des Gebetes. Ein einziger kurzer Satz wird als Mittel benutzt, die nötige Stille zu erlangen. Die Fülle der Gedanken wird durch die strenge Armut eines einzigen Verses mehr und mehr reduziert.

 

Dieser Prozess tiefer Ruhe für Körper, Geist und Seele reinigt das Nervensystem und die Psyche. Er führt somit letztlich zur Reinheit des Herzens. Durch die Übung des Ruhegebetes wird die Reinheit des Herzens zu einem andauernden Zustand, der einen entscheidenden Wendepunkt auf dem spirituellen Weg des Christen darstellt. Das Ruhegebet vermittelt intuitive Erkenntnis der Einfachheit und führt letztlich zu einem erfahrungsmäßigen Wissen um Gott.

 

Freude am Einfach-Dasein wird im Gebet erlebt. Wenn aller «Besitz» aufgegeben und alles losgelassen wird, dann steht der Betende in absoluter Einfachheit vor Gott.

 

Der Geist kann ganz einfach und leicht in der strengen Armut einer kurzen Anrufung schwingen, bis jener Glückszustand erreicht ist, den das Evangelium «selig» nennt.

 

So ist auch die erste Seligpreisung zu verstehen: Selig sind die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich (Matthäus 5,3). Im Ruhegebet leben, ja, atmen wir die Armut immer mehr. Es ist die einfache, in sich selbst schwingende Ruhe, die den Reichtum der ganzen Schöpfung in sich enthält.

 

Das Ruhegebet trägt wesentlich dazu bei, das Leben in tieferen Dimensionen des Seins zu erfahren und eine Beständigkeit des Herzens zu erlangen.

 

Das Ruhegebet kommt der Sehnsucht nach Ganzheit entgegen, nach Integration von Geist, Seele und Körper, nach Erkenntnis und Bewältigung des dunklen Schattens im Menschen. Er wird frei von unnötigem Ballast, durchlässig für den Geist Christi, so dass er seinen eigenen Weg erkennen, gehen und bejahen kann.

 

Das Ruhegebet ist ein Mittel, die Reinheit des Herzens und der Seele zu erlangen. Durch die Praxis, die ständige schweigende Wiederholung der Gebetsformel, richtet sich der Geist ganz auf Gott aus, damit Er sich uns schenken kann. Das Ruhegebet bereitet den Boden, um sowohl in tieferen Gebeten mit Gott Gemeinschaft zu erfahren als auch generell Leben besser zu bestehen. Es ergibt sich ein Wechsel zwischen Ruhe und Aktivität, wie wir ihn als zugrunde liegende Ordnung in der gesamten Schöpfung erleben.

 

Die aus dem Ruhegebet gewonnene Ruhe kann nicht nur helfen, den Alltag kraftvoller und sicherer zu bestehen, sondern sie schenkt auch das Gefühl der letzten Geborgenheit in Gott und somit Mut zum Loslassen.

 

Durch den geistlichen Schulungsweg erfährt der Übende innerhalb seiner menschlichen Begrenzungen mehr und mehr eine unbewegliche Ruhe des Geistes und gleichzeitig eine Reinigung des Nervensystems und Bewusstseins (Reinheit des Herzens).

 

Wie in einem inneren Reinigungsvorgang wird er von allem befreit, was nicht zu ihm gehört und seinem Entwicklungsweg nicht entspricht. Das Gebet wird mehr und mehr im Fortschreiten auf Gott zu einem unaussprechlichen Schwingen, und es entgrenzt den Betenden auf Gottes liebendes Entgegenkommen und seine unendliche Barmherzigkeit.

 

Die Grundhaltung in diesem Gebet ist die eines Empfangenden, der sich vertrauend und «willenlos» auf Gott ver-lässt. Die Hingabe des eigenen Willens an Gott wird eingeübt, damit – gestärkt durch seine Gabe – mit neuer Willenskraft unsere Aufgaben wieder angegangen werden können.

 

Folgen wir den Anweisungen Cassians, breitet sich eine große und innere Ruhe aus. Diese Ruhe wird zum Schutz gegen neue Störfaktoren, leitet eine Entgrenzung auf Gott ein und stabilisiert Geist und Körper.

 

Auf den weiteren Stufen dieses Gebetsweges erfährt der Betende einen geistigen Fortschritt. Sein Verstehen größerer Zusammenhänge und seine aus Intuition erworbene Klugheit lassen die eigenen Grenzen transparent werden und erweitern langsam sein Bewusstsein.

 

Es ist heilsam, von der Begrenztheit des «eigenen Hauses», das heißt von den Pflichten, Sorgen, Gewohnheiten wie auch dem Glücklichsein durch kreative Pausen Abstand zu nehmen, indem Distanz und damit Überblick gewonnen wird, um erfrischt mit neuen Ideen und neuem Schwung zurückzukehren.

 

Durch das Ruhegebet verlassen wir uns nicht auf ein grenzenloses Nichts, sondern es ist ein Sich-Verlassen auf Jesus Christus.

 

Aus dieser Hingabe schöpfen wir neue Energie, Mut und auch die Freude, unseren Lebensauftrag neu durch Ihn und mit Ihm und in Ihm zu erfüllen.

 

Die Einübung in das Ruhegebet möchte helfen, unser Leben tragfähiger zu gestalten, eine umfassendere Einsicht zu gewinnen und Jesus Christus als das wegweisende Licht bewusst zu erleben. Auf der Ebene unseres Bewusstseins, das sich ins Grenzenlose entfalten möchte, wird uns die Botschaft Jesu neu einleuchten. Wenn wir mit ihm diesen Weg gehen, werden unser Herz und unser Verstand von seiner Wahrheit durchdrungen sein.

 

Über dieses Buch

Diesem Buch «Das Ruhegebet einüben» liegen Texte von Johannes Cassian aus seinem Gesamtwerk zugrunde: «De Institutis Coenobiorum» (Von den Einrichtungen der Klöster), «Collationes Patrum» (24 Unterredungen mit den Vätern) und «De Incarnatione Domini» (Über die Menschwerdung des Herrn).

 

Um ein besseres Verstehen und eine praxisnahe Einübung in das Ruhegebet zu erreichen, wurden grundlegende Anweisungen und wesentliche Elemente diesen Texten entnommen, neu zusammengestellt und gestrafft formuliert. Da Johannes Cassian wesentliche Schritte nicht nur einmal, sondern mehrmals wiederholt und immer wieder in seine Texte einflechtet, damit sie dem Leser und vor allem den das Ruhegebet Übenden einleuchten, wurde diese pädagogische Vorgehensweise übernommen.

 

Somit finden sich wichtige Anweisungen zum Ruhegebet mehrmals im Text, und zwar an verschiedenen Stellen.Denjenigen, die mit dem Ruhegebet beginnen möchten, wird empfohlen, das Buch kontinuierlich zu lesen. Sie werden in einigen vorausgehenden Schritten langsam zur Praxis des Ruhegebetes geführt und darüber hinaus weiter auf dem Gebetsweg begleitet.

 

Alle, die das Ruhegebet bereits beten, können sich die Themen im Buch aussuchen, die ihrem augenblicklichen Erfahrungsstand entsprechen, die sie interessieren oder die ihnen bei auftretenden Schwierigkeiten und Fragen helfen können.

 

Außerdem stehen ausgebildete und erfahrene Lehrerinnen und Lehrer zur Verfügung, die Kurse zur Einübung in das Ruhegebet anbieten, aber auch gern bereit sind, Gespräche zu führen. Die Anschriften sind im Internet zu finden unter www. PeterDyckhoff.de und hier unter ruhegebet.com/Lehrende

 Peter Dyckhoff, Das Ruhegebet einüben, S. 17 – 22

    Weitere Themen finden Sie in den nachfolgenden Links

 

 

 

Wir dürfen und müssen uns in der Begrenztheit unseres menschlichen Wesens immer wieder in die Stille zurückziehen, um nicht leer und krank zu werden. Es darf nicht sein, dass wir in Spannungen hinein geraten, die uns dem wahren Leben mehr und mehr entfremden.

Peter Dyckhoff

Die tiefe Ruhe für Körper, Geist und Seele, die sich dem Betenden im Ruhegebet schenkt, befreit uns von schmerzhaften, im Wege stehenden Eindrücken und bringt uns dem Urgrund der Schöpfung, Gott, näher.

Peter Dyckhoff

 

Raum der Stille

Ruhegebet

Altes loslassen

ausruhen

frei werden für Neues

Atemholen der Seele in Gott

Kraft schöpfen

für Neues sich öffnen

Intuition empfangen

zum nächsten Schritt bereit werden

MC

 

esgibtmenschendieredennonstopdennochkönnenwirsieverstehen……

Pausen zwischen den Worten  –   Luft zum Atemholen

Winzige Räume der Stille zwischen den Worten

verstehen

Bewusst diese kleinen Pausen wahrnehmen, macht Freude

Pausen sind Goldes wert.

Ausruhen

Atemholen des Körpers

Ruhegebet

Atemholen der Seele

Geborgenheit in Gott

MC

 

Wem das Herz voll ist, dem der Mund über. So geschieht es mir gerade, ich muss einfach mitteilen, was sich durch das Ruhegebet in mir vollzieht.

Obwohl ich doch sozusagen ein „Erstklässler“ in Sachen Ruhegebet bin, wohl mit ganzem Herzen, aber doch Anfänger!

Heute muss ich einfach erzählen. Ich werde versuchen  es so kurz wie möglich zu halten, obwohl das nicht so einfach ist.  Seit ich Gott in meinem Leben begegnete, waren die Worte Annahme und Hingabe stets in meinem Leben. Ich sah sie alle diese Jahre so: was im Leben auf mich zukommt annehmen und in der ganzen Fülle an Gott geben. Ich versuchte dies auch zu leben. Heute erst weiß ich, dass dies trotz allem sehr „weltlich“ war, denn ich musste es tun.

Nun trug mich Gott im Ruhegebet über eine Brücke, in eine neue Dimension dieser Worte: Hingabe und Annahme! Die gleichen Worte, nur versetzt und doch grenzenlos anders.

Wieder kann ich es nur schwer in Worte kleiden, diese Freude, Seligkeit und dankbarer Jubel in meinem Herzen, dass ich jetzt einen Weg auf der „anderen Seite“ der Brücke geh.

 

C. H., Süddeutschland


NEUERSCHEINUNG

Verlag: Herder, Freiburg
ISBN: 978-3-451-32397-3

Preis: 12,95 Euro - E-Book 9,95

DVD “Das Ruhegebet einüben”

DVD-Set mit vier DVDs
Zu erhalten bei:

K – TV
Kirchstraße 9
88145 Opfenbach

Tel.: 08385 3949990
info@k-tv.org

Preis 12,80 Euro

Buch: “Ruhegebet”

Verlag: Don Bosco, Hamburg
ISBN:978-3-7698-1725-5

Preis: 9,95 Euro

DVDs “Ruhegebet”

Sechsteilige Sendereihe mit einem vorgeschalteten Gespräch von 30 Minuten über das Ruhegebet.

Kompakt-Kursus, zwei DVDs

Zu erhalten bei:

Bibel TV Stiftung
Wandalenweg 26
20097 Hamburg
Telefon: 040 445066-0
Email: info@bibeltv.de

Preis: 27,50 Euro

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